Der Ort Peenemünde ging ohne Entschädigung mit der Schule, dem Schulgrundstück, verschiedenen Gemeindegrundstücken, dem Ortsnetz und der Dorfstrasse mit Wirkung vom 1. Januar 1940 in den entstehenden
Heeresgutsbezirk Peenemünde über. Der Heeresgutsbezirk betrieb große Viehhaltung, ein Luftwaffengut mit einer großen Schaf- haltung (ca. 1.000 Stück) und Gemüseanbau in mehreren Großgärtnereien.
Die Gemeinderücklagen in Höhe von etwa 24.000,- RM, entstanden aus Gemeindesteuern, sollten auf Vorschlag des Gemeinderates vom 27.11.1939
dem Kreis Usedom-Wollin zugewendet und dafür eventuell ein Grundstück für alte, kranke und in Not geratene Peenemünder Einwohner erworben werden.
Für die Erprobung und die Starts der A4-Raketen wurde flüssiger Sauerstoff benötigt, welcher vom Peenemünder Sauerstoffwerk geliefert wurde. Der Bau
des dreieinhalbgeschossigen, rot verklickerten Gebäudes, für die in Europa eine einmalige Anlage, wurde ab 1940 durch die Firma Messner aus
Griesheim ausgeführt. Im März 1942 war der Rohbau bereits fertiggestellt; der Innenausbau jedoch noch nicht abgeschlossen.
Eingangstor zur Siedlung (historische Ansichtskarte)
Am 30. März 1940 gründete sich der “Sportverein Peenemünde“. Vereinsführer wurde der Oberzahlmeister Panknin. Stellvertreter der
Diplomingenieur Roth. Der Verein bezweckte die “leibliche und charakterliche Erziehung der Mitglieder im Geiste des Nationalsozialismus durch die
planmäßige Pflege der Leibesübungen“. Der Verein wurde im Jahre 1943 wegen der zu geringen Mitgliederzahl aufgelöst.
Am 3. Oktober 1942 war es soweit: Um 15.58 Uhr startete das vierte Versuchsmuster der Rakete A4vom Prüfstand VII. Diese Rakete, insgesamt 13
,5 Tonnen schwer, flog über 190 km weit und 84,5 km hoch. Mit diesem Flug, bis an den Rand des Weltalls, begann das Zeitalter der Raumfahrt. Aber es
war auch die Geburtsstunde der Raketenwaffe. Denn diese Rakete wurde vom Militär nicht zur Erforschung des Weltalls entwickelt, sondern als Träger für Sprengstoff.
Die Inbetriebnahme des Kraftwerkes, geplant für den 1. Juni 1942, wurde wegen technischer Mängel auf den 1. November 1942 verschoben. An diesem
Tag erfolgte der Anstoß der ersten Maschine im Probebetrieb und am 22.11.1942 die erste Zuschaltung an das Verteilungsnetz.
Die gesamte Nordwestecke der Insel Usedom wurde am 26. Juni 1943 zum Sperrgebiet erklärt, bis zur Linie Zempin-Wolgaster Fähre völlig abgeriegelt
und unterlag ab sofort strengen Sicherheits- und Geheimhaltungsvorschriften.
Außer der von Anfang an im Werk West bestehenden SS-Wache wurde im Werk Ost eine Zivilwache eingerichtet, welche durch das Wachsen des
Werkes ständig vergrößert und später in eine Militärwache umgewandelt wurde.
Mehrere Sperrgürtel wurden eingerichtet, die nur mit Sichtkarten verschiedener Farben betreten werden durften. Das ganze Gelände wurde hermetisch
abgeriegelt; teilweise gab es elektrische Stacheldrahtzäune. Die Werksarbeiter konnten ihren Arbeitsplatz nur nach Vorlage ihres Ausweises erreichen.
Die bestehende Werkbahn wurde auf elektrischen Betrieb umgestellt und sollte als Schnellbahn nach dem Muster der Berliner S-Bahn verkehren.
Entsprechende Bahnsteige und Bahnhöfe wurden gebaut.
Die Forschungsarbeiten wurden mit noch größerer Geschwindigkeit vorangetrieben, nachdem am 7. Juli 1943 Adolf Hitler persönlich das “Projekt
Peenemünde auf der Dringlichkeitsliste des Rüstungsprogramms an erste Stelle setzte.
Dies ließ den Arbeitskräftebedarf im Werk stark ansteigen. Um diesen zu decken, wurden ausländische Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter aus Polen,
Russland, Tschechien, Belgien, Italien, Holland und Frankreich verpflichtet. Später wurden Kriegsgefangenenlager für Soldaten aus Frankreich und der
Sowjetunion eingerichtet. Ab Frühjahr 1943 gab es ebenfalls zwei KZ-Arbeitslager auf dem Peenemünder Versuchsgelände.
Unter den Zwangsarbeitern der verschiedensten Nationen und der unterschiedlichsten Weltanschauungen entstand um Männer wie ter Morsche. Lampert. Wachsmann und anderen, eine antifaschistische
Widerstandsbewegung, die im Untergrund die Arbeiten zur Herstellung der Raketen sabotierte.
Durch verschiedene Luftaufnahmen wurden raketenähnliche Geschosse, Flugkörper und Flugzeuge auf dem Peenemünder Geländes feststellt und nun
auch andere Meldungen über die Heeresversuchsanstalt ernst genommen.
Bei ihrer regelmäßigen Luftaufklärung über der Insel Usedom entdeckten die Engländer auf den Fotos vom Peenemünder Gelände raketenähnliche Geschosse, Flugkörper und Flugzeuge. Nun wurden auch andere
Agentenmeldungen über die Heeresversuchsanstalt durch den englischen Geheimdienst ernst genommen.
Als die Gefahr eines Bombenangriffs auf die Peenemünder Anlagen immer
wahrscheinlicher wurde, erfolgte der Bau von Bunkern und Splittergräben. Alle Karlshagener Frauen und Kinder sollten evakuiert werden, was jedoch immer
wieder verschoben wurde. Diese Verzögerung kostete vielen Menschen das Leben.
Der Fliegerangriff erfolgte in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943. Gegen 24.00 Uhr strahlten die Rundfunksender eine Vorwarnung aus. Innerhalb
weniger Minuten wurde das Gelände vernebelt. Der Angriff begann um 1.15 Uhr. Während des Angriffes, unter dem Codenamen „Operation Hydra“, warfen
rund 600 britische Bomber (Stirling, Halifax und Lancaster) bei ihrem Einsatz 1593 t Sprengbomben und 281 t Brandbomben über dem Norden der Insel Usedom ab.
Viele Gebäude im Entwicklungswerk und im Werk Süd wurden zerstört oder beschädigt. Auf die Prüfstände und auf das Werk West fielen keine Bomben.
Auch das Kraftwerk und die Sauerstoffanlage im Dorf Peenemünde blieben verschont.Große Teile der Wohnsiedlung, das sogenannte Brandenburger Tor,
die Post und andere Gebäude wurden zerstört. Viele Opfer gab es in dem Fremdarbeiterlager Trassenheide. Unter den insgesamt 735 Toten befanden
sich über 600 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge und 120 Bewohner aus Karlshagen und Peenemünde.
Die Forschungsarbeiten wurden durch den Angriff nur um einige Monate verzögert. Bald darauf gingen die Arbeiten wie gewohnt weiter. Die
Serienfertigung der A4-Raketen wurde im Herbst 1943 in die unterirdischen Anlagen bei Nordhausen verlegt.
Nach dem Angriff verließen die verbliebenen Einwohner vorsorglich Karlshagen und fanden in der näheren und ferneren Umgebung andere
Unterkünfte. Alle noch im Werk Beschäftigten erreichten mit der Werksbahn und Autobussen ihre Arbeitsstelle.
Der zweite Bombenangriff durch die alliierten Fliegerkräfte erfolgte am 18. Juli 1944. Wiederum fanden 2.000 Menschen den Tod. Im Werk-Ost mussten
große Zerstörungen registriert werden, die die Arbeiten nochmals ins Stocken geraten ließen. Das Werk-Süd wurde bei dem 3. Grossangriff am 4. August
1944 erheblich beschädigt.Bei diesen Angriffen waren die Verluste an Menschen nicht mehr so hoch, den inzwischen hatte man mehrere Luftschutzbunker gebaut.
Anfang 1945 erprobte das Forschungsteam um Wernher von Braun in Peenemünde das letzte Projekt, die geflügelte A4 mit einer vergrößerten Flugweite.
Am 31. Januar 1945 erfolgte der Befehl zur vollständigen Auslagerung Peenemündes per Lastkrafiwagen, auf dem Schienenweg, mit Schiffen und Lastkähnen.
Dem KZ-Häftling Michael Petrowitsch Dewjatajew und weiteren neun Gefangenen gelang kurz vor Kriegsende mit einer deutschen He 111 (zweimotoriges Heinkel-Bombenflugzeug) die Flucht aus Peenemünde. Da
niemand wusste, dass er sowjetischer Jagdflieger war, kam er im Herbst 1944 in das KZ-Arbeitslager der Erprobungsstelle der Luftwaffe Peenemünde West.
Dort reifte angesichts der Flugzeuge sein Fluchtplan. Während der Mittagspause des Flughafenpersonals bot sich am 8. Februar 1945 die Gelegenheit zur Flucht. Ein Posten wurde niedergeschlagen und eine
flugbereite He 111 in Besitz genommen. Die Häftlinge flogen mit diesem Flugzeug über die deutsch-sowjetische Frontlinie und landeten dort mit einer Bauchlandung. Alle überlebt diese Flucht unverletzt.
Im April 1945 begannen die letzten Verlagerungen der Peenemünder Anlagen. Wernher von Braun und seine engsten Mitarbeiter begaben sich zuerst in den
Raum Nordhausen-Bleicherode und dann weiter nach Süden in die Alpen. Hier begaben sie sich zusammen mit General Dornberger in amerikanische
Gefangenschaft. Als wertvolle Beute wurden sie in die USA gebracht, wo sie ihr Wissen an die Amerikaner weitergaben. Später erhielten sie das Angebot, in den USA weiter in der Raketenforschung zu arbeiten.
Weitere Raketenexperten verließen Peenemünde. Ende April 1945 wurden die letzten 351 Häftlinge in das KZ-Aussenlager Barth abfransportiert; am 28. April
zogen die letzten verfügbaren, mit Kohle beladenen Schlepper, unter Bewachung aus Peenemünde ab.